Was ist Dispensationalismus? Und warum ist dieses Wort für viele Christen ein rotes Tuch? Eine Reaktion auf alle, die den Dispensationalismus ablehnen. Dispensationalismus ist keine eigene Glaubensrichtung, keine neuzeitliche Erfindung und kein unbiblisches System. Im Gegenteil: Jeder, der die Bibel ernst nehmen will, ist mit dem sogenannten Dispensationalismus am besten bedient.
Glaubt man den Aussagen vieler Christen, so hat der Dispensationalismus, «egal in welcher Form, wenig mit der gesunden Lehre der Bibel zu tun (…), wie sie uns von den Aposteln übermittelt wurde»1.
Es ist tatsächlich so, dass der Dispensationalismus im bibeltreuen Lager immer wieder in die Kritik gerät – und wie es scheint, in letzter Zeit immer häufiger. Der Vorwurf lautet oft, dass John Nelson Darby (1800-1882) das System erfunden habe und Bibellehrer wie Dwight L. Moody (1837-1899) oder Cyrus I. Scofield (1843-1921) für dessen weite Verbreitung gesorgt hätten. Der amerikanische Pastor Dan Phillips stellt fest:
Es ist einfach nicht mehr «cool», Dispensationalist zu sein. Das System hatte eine besondere Bekanntheit in den Siebzigern und darüber hinaus, was viel Neid und Missgunst bei den Nicht-Dispensationalisten hervorrief («Hey, was ist mit uns?»).2
Inzwischen sind zahlreiche Bücher erschienen, die den Dispensationalismus verwerfen. Und es gibt unzählige Websites, die sich der Widerlegung dieser Lehrmeinung verschrieben haben. Die Christen, die heute sozusagen den Ton angeben, scheinen grösstenteils Gegner des Dispensationalismus zu sein. Befindet sich der Dispensationalismus auf dem absteigenden Ast? Hat die Zeit gezeigt, dass er unter wirklich bibeltreuen Christen nicht mehr haltbar sein kann? Haben die Gegenargumente ihn ad absurdum geführt? Oder ist er gar eine Irrlehre?
Der reformierte Blogger Jean-Louis Goiran schreibt als Fazit seiner Ablehnung des Dispensationalismus:
Der Dispensationalismus mag für manche überzeugend und attraktiv sein, er bleibt eine sehr wackelige theologische Konstruktion, die sich weit von dem entfernt, was die inspirierten Autoren des Neuen Testaments über Jesus Christus und sein Volk gelehrt haben. Eine heftige Kritik des Dispensationalismus wie diese bedeutet meiner Meinung nach nicht, dass Christen, die daran glauben, Irrlehrer sind. Viele von ihnen achten die Heilige Schrift viel zu sehr und verdienen dadurch viel Respekt.1
Es gibt Dispensationalismus-Gegner, die diese «theologische Konstruktion» als Irrlehre ablehnen, doch die meisten Kritiker räumen ein, dass es sich bei den Befürwortern um Brüder und Schwestern in Christus handelt. Die Frage aber bleibt: Ist der Dispensationalismus unbiblisch?
Der Dispensationalismus nimmt die Bibel wörtlich
Der Dispensationalismus ist keine eigene Religionsgemeinschaft oder Glaubensrichtung. Er ist ein theologisches System, das in einer besonderen Art und Weise an die Bibel herangeht …
Wenn ein Christ die Anordnungen in den apostolischen Briefen liest, nimmt er diese wörtlich. Epheser 4,25 fordert zum Beispiel dazu auf: «Darum legt die Lüge ab und ‹redet die Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten›, denn wir sind untereinander Glieder.» Für einen Christen ist diese Anweisung klar und unmissverständlich. Er interpretiert diese Aussage wörtlich. Er sucht keinen versteckten Sinn dahinter. So steht es geschrieben und so ist es gemeint.
Diese wörtliche Herangehensweise wird im Dispensationalismus für die ganze Bibel verwendet. Viele evangelikale Christen erklären dagegen, die prophetischen oder alttestamentlichen Texte seien «Literatur in unterschiedlicher Textart».3 Das bedeutet, dass diese Stellen nicht wörtlich, sondern «geistlich» gedeutet werden sollen. In der Praxis heisst das Folgendes: Man sieht in diesen Texten eine tiefere Bedeutung, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist. Ein Dispensationalist ist bemüht, dies nicht zu tun.
Ein Dispensationalist nimmt zum Beispiel folgende prophetische Aussage im Alten Testament so wörtlich, wie Gott sie eingegeben hat:
So spricht der Herr, der die Sonne als Licht bei Tag gegeben hat, die Ordnungen des Mondes und der Sterne zur Leuchte bei Nacht; der das Meer erregt, dass seine Wellen brausen, Herr der Heerscharen ist sein Name: Wenn diese Ordnungen vor meinem Angesicht beseitigt werden können, spricht der Herr, dann soll auch der Same Israels aufhören, allezeit ein Volk vor meinem Angesicht zu sein! So spricht der Herr: Wenn man den Himmel droben messen kann und die Grundfesten der Erde drunten zu erforschen vermag, so will ich auch den ganzen Samen Israels verwerfen wegen all dessen, was sie getan haben, spricht der Herr (Jer 31,35-37).
«So spricht der Herr», und genauso verstehen es Dispensationalisten auch. Der Same Israels ist der Same Israels. Und er wird nicht aufhören, «allezeit ein Volk» vor Gottes «Angesicht zu sein». Diese Worte sprach Gott der Herr zu «dem Haus Israel» und «dem Haus Juda» (V 31). Das Haus Israel ist das Haus Israel. Das Haus Juda ist das Haus Juda.
So mancher reformierte Christ dagegen ist der Meinung, dass viele «Ereignisse, Dinge und Personen des Alten Testaments als vorläufige Vorschattungen, Vorbilder und Bilder dienen, die angesichts grösserer neutestamentlicher Realitäten weichen»4 müssen. Aus ihrer Sicht müssen prophetische Stellen geistlich gedeutet und dürfen nicht wörtlich verstanden werden. Für sie ist das Neue Testament die Erfüllung des Alten Testamentes und keine Ergänzung.3 Das bedeutet Folgendes: Das Neue Testament erklärt das Alte Testament. Dadurch bekommen einigen Stellen des Alten Testaments eine neue Bedeutung.5
So wird durch diese Herangehensweise an Gottes Wort aus «dem Haus Israel» und «dem Haus Juda» die neutestamentliche Gemeinde Jesu Christi … Das Versprechen, das Gott Israel und Juda gab, gilt nun nicht mehr Israel und Juda, sondern der Gemeinde.
Dispensationalisten dagegen glauben, dass Gott auch Israel meinte und nicht heimlich an die neutestamentliche Gemeinde dachte, als Er im Alten Testament zu Israel redete.
Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereuen würde. Was er gesagt hat, sollte er es nicht tun? Was er geredet hat, sollte er es nicht ausführen? (4.Mo 23,19).
Weil Dispensationalisten auf eine solch einfache Art und Weise an die Bibel herangehen, lautet der Vorwurf an sie oft: «Ihr nehmt das Alte Testament zu wörtlich.» Pastor Dan Phillips würde darauf die Gegenfrage stellen: «Meint ihr dies wörtlich?» Und er schreibt:
Ist dir jemals aufgefallen, dass es furchtbar viel an detaillierter, ausgeklügelter Begründung braucht, um zu «beweisen», dass eine Stelle nicht das meint, was sie aussagt? Wenn wir über die Bedeutung von yom in 1. Mose 1 reden, kann ich in vier Worten sagen: «Es bedeutet ein Tag» – aber es braucht Hunderte oder sogar Zehntausende, um zu «erklären», dass yom nicht wirklich das bedeutet, was es offensichtlich zu bedeuten scheint.2
Das dispensationalistische System ist sehr einfach. Es geht von der einfachst möglichen Erklärung einer Bibelstelle aus. Der dispensationalistische Bibellehrer Charles C. Ryrie hält fest:
Gottes Ziel war es, den Menschen sein Wort zu geben. Gott schuf die Sprache, um dieses Ziel zu erreichen. Er gab uns sein Wort, um sich uns mitzuteilen, nicht um uns zu verwirren. Darum müssen wir seine Mitteilung an uns in der einfachsten Wortbedeutung verstehen, denn so geschieht im Regelfall jede Kommunikation.6
Der Dispensationalismus gebraucht die grammatisch-historische Methode
Um Bibeltexte zu verstehen und auszulegen, benutzen Dispensationalisten für die ganze Bibel die sogenannte grammatisch-historische Hermeneutik. Jemand, der diese Methode gebraucht, ist von der Inspiration, Irrtumslosigkeit und Autorität des Wortes Gottes überzeugt. Er fragt sich: Was ist die Absicht des Verfassers? Was sagt der Text ursprünglich aus? Grammatisch bedeutet: Die Bibel meint das, was sie sagt. Das Geschriebene ist wörtlich zu verstehen. Historisch bedeutet: Die Bibel sagt die Wahrheit. Sie ist keine Legenden- oder Märchensammlung. Die Bibel spricht von realen Orten, realen Ereignissen und realen Personen.
Da Dispensationalisten diese Methode auf die ganze Bibel anwenden, verstehen sie die eindeutigen Prophezeiungen im Alten Testament auch wörtlich. Ein Esel ist ein Esel. Bethlehem ist Bethlehem. Christus wurde tatsächlich in Bethlehem geboren (Mi 5,1) und ritt tatsächlich auf einem Esel nach Jerusalem (Sach 9,9) – so wie es wortwörtlich prophezeit wurde.
Dies schliesst Bildersprache nicht aus. Charles Ryrie erklärt dazu in Die Bibel verstehen:
Da der Begriff «wörtlich» oft falsch oder subjektiv verstanden wird, ziehe ich die Bezeichnung «einfach» oder «natürlich» vor. Viele Christen glauben nämlich, eine «wörtliche» Auslegung verbiete bildhafte Rede (was nicht der Fall ist).7
Wenn der Text im Zusammenhang deutlich macht, bildhaft gemeint zu sein, wird auch die vom Text vorgegebene Symbolik angenommen (s. z.B. Ps 1,3). Das Alte Testament gebraucht oft bildhafte Sprache. Auch findet man viele Vorbilder, die im Neuen Testament ihre Entsprechung haben. Doch das bedeutet nicht, dass das gesamte Alte Testament symbolisch zu verstehen ist. Und das bedeutet auch nicht, dass die Dinge, die als Vorbilder gebraucht werden, aufhören das zu sein, was sie tatsächlich sind. Zum Beispiel ist die Ehe ein Bild für Christus und die Gemeinde (Eph 5,22-33). Das bedeutet nicht, dass die Ehe wegen dieses Bildes keine Ehe mehr ist und dass nun alle Aussagen zur Ehe Christus und die Gemeinde meinen (und nicht mehr die Ehe selbst).
Der Dispensationalismus revidiert reformatorische Traditionen
Die grammatisch-historische Hermeneutik wurde von den Reformatoren entwickelt (obwohl sie diese letztendlich nicht konsequent umsetzten). Angesichts dessen entbehrt der folgende Einwand des reformatorischen Lagers gegen den Dispensationalismus nicht einer gewissen Ironie. Der reformatorische Bibellehrer Dr. Robert L. Reymond behauptet nämlich:
Im Gegensatz zum Anspruch der Dispensationalisten, dass ihr System das Resultat einer «einfachen Auslegung» (Charles Ryrie) der Schrift sei, ist dieses eine relativ neue Erfindung in der Kirchengeschichte, die erst rundum 1830 auftauchte und christlichen Lehrern in den ersten 1800 Jahren der christlichen Ära völlig unbekannt war.8
Darauf erwidert der britische Bibellehrer Paul Martin Henebury:
Mit «einfacher Auslegung» meinte Ryrie einfach die grammatisch-historische Hermeneutik (Anm.: im Folgenden G-H genannt) (s. sein Buch Dispensationalism, 79-88). Daran ist nichts Neues. G-H wurde von den Reformatoren entwickelt. Zu sagen, «einfache Auslegung» sei «eine relativ neue Erfindung in der Kirchengeschichte», ist eine etwas peinliche Aussage. Es klingt, als ob sie (Anm. Red.: Reymond und seine Leute) sagen, dass die Bibel nicht das meint, was sie aussagt. Aber das Thema ist nicht «einfache Auslegung». Ich nehme immerhin an, dass diese Kritiker hinsichtlich ihrer eigenen Aussagen von mir erwarten, «einfache Auslegung» einzusetzen. Die Frage ist, ob man G-H durchweg flächendeckend anwenden soll. Dies ist, wie Ryrie erklärt, was die dispensationalistische Hermeneutik von anderen Theologien abgrenzt.9
Henebury sieht in der Argumentation, dass etwas, das «relativ neu» ist, verworfen werden müsse, zwei klare Fehler. Erstens müsse diese Argumentation dann auch auf die grammatisch-historische Hermeneutik aus 1550-1650 angewandt werden.
G-H war über tausend Jahre lang nicht die bevorzugte Hermeneutik der «Kirche»!
Zweitens führt Henebury an, dass man Tradition nicht benutzen kann, um die Schrift zu übertrumpfen.
Tradition (sowie Verstand und Erfahrung) ist der Schrift untergeordnet. Worauf es hier wirklich ankommt, ist, ob die dispensationalistische Theologie biblisch ist. Ich sage, sie ist es.9
Zum ohnehin schon fragwürdigen Vorwurf, der Dispensationalismus sei neu, gibt auch Dan Phillips eine scharfe Erwiderung:
Sorry, ich muss das Memo verpasst haben – wann wurde die letzte Wahrheit aus der Bibel gewonnen? Ich weiss, dass der Kanon für Ergänzung geschlossen wurde; ich habe nicht realisiert, dass er auch zum Studieren geschlossen war. (…) Und wenn wir schon dabei sind, erzähle mir noch einmal – wie alt sind die fünf Solas in ihrer ausformulierten Fassung? (…) Und was war der Haupteinwand, den die gelehrten römischen Doktoren in Worms gegen Luther vorbrachten? Oder gehen wir noch weiter zurück, fünftes Jahrhundert – wie alt ist die Lehre der Dreieinheit heute? Wirst du jetzt knurrend antworten: «So alt wie die Bibel»? Ich bin vollkommen deiner Meinung. Das Gleiche gilt für den Dispensationalismus.2
Die Ablehnung des Dispensationalismus wird in reformatorischen Kreisen oft damit begründet, dass die Reformatoren (Calvin, Luther usw.) den Dispensationalismus nie gelehrt hätten. Dan Phillips ist selbst ein Calvinist. Er schreibt, dass viele dieses theologische Modell nur deshalb ablehnen, weil die «coolsten Typen» keine Dispensationalisten waren:
Sie wollen einfach so sein wie Augustinus oder Calvin oder Owen oder Packer oder Waltke oder wen auch immer oder wie sonst irgendjemand dieser coolen Typen. Es ist einfach so cool, cool zu sein. Ich gebe es zu – ich habe diesen Zug gefühlt. Gib einfach auf, gib nach, werde Mitglied bei den WHRT (Wirklich Hippen Reformierten Typen). Und wenn sie dann höhnen und die Leute auslachen, die immer noch die ganze Bibel ernst nehmen, ist es in Ordnung. Du bist ja am austeilenden Ende, statt am Empfängerende! Ausserdem: Prophetie erfordert keine harte Arbeit mehr. Zucke einfach mit den Achseln und sage: «Jesus. Die Gemeinde. Was auch immer.» Hier, ich zeig’s dir:
– Der Berg Zion soll die Hauptstadt der Erde werden? «Jesus. Die Gemeinde. Was auch immer.»
– Israel soll vollständig wiederhergestellt werden, trotz all seiner Sünden? «Jesus. Die Gemeinde. Was auch immer.»
– Kriege und Auseinandersetzungen, wie sie noch nie zuvor geschehen sind, gefolgt von einer beispiellosen Erlösung des Volkes Israel? «Jesus. Die Gemeinde. Was auch immer.»
– Acht Kapitel voller detaillierter Prophezeiungen über einen Tempel, wie er noch nie gebaut worden ist? «Jesus. Die Gemeinde. Was auch immer.»
Siehst du? Cool! Und ich sage auch, dass es grösstenteils wahr ist, dass (gelinde gesagt) die Coolsten Nicht-Dispensationalisten waren. Die meisten meiner grössten theologischen und sonst-christlichen Helden waren keine Dispensationalisten: Machen, Spurgeon, Calvin, van Til, E.J. Young, und so weiter und so fort. Aber es gibt noch ein kleines Prinzip, das ich bei meiner Bekehrung auch erlangt habe, und das hat mein geistliches Leben zahllose Male gerettet. Ich bin ein Christ wegen Jesus. Mein Richter ist Gott, mein Gesetz ist Sein Wort. Andere Gläubige (tot oder lebendig) sind wichtig, aber nicht hoch-wichtig. (…)
Versuche insbesondere nicht an deine reformierten Helden zu denken. In ihren Tagen waren alle der coolsten Typen römisch-katholisch.»2
Ein beliebter Einwand aus reformatorischen Kreisen ist laut Phillips auch der Vorwurf, der Dispensationalismus sei nicht reformiert bzw. calvinistisch:
Zuerst eine schockierende Neuigkeit: Mein Ziel im Leben ist es nicht, als vollkommen reformiert oder calvinistisch beurteilt zu werden. (…) Wenn ich vor dem Thron stehe, erwarte ich nicht vom Herrn, dass Er sagt: «Schauen wir einmal … wie reformiert warst du?» Wie dem auch sei, vielleicht kann jemand aufzeigen, wo Calvin (oder Luther oder Knox oder Zwingli oder Owen) behauptete, dass nach seinem Tod nichts mehr bleiben würde, um zu lernen, weil er/sie vollkommen in seiner Gelehrsamkeit und seinem Denken gewesen sei und jedes letzte Stück an Wahrheit von der Bibel ausgeschöpft habe. (…) Hmm. «Calvin der Apostel». Das mag ich nicht.
Ein letzter Gedanke zu diesen ersten drei Punkten. Wenn sie wirklich grosse, ausschlaggebende Faktoren sind – und das sind sie für ziemlich viele der härtesten Dispensationalismus-Kritiker –, dann sieht es für mich so aus, als schuldeten wir Rom eine Entschuldigung. In diesem Fall stimmen wir Rom zu, dass wir es selbst nicht wagen, uns direkt in die Schrift zu vertiefen. Wir stimmen Rom zu, dass wir ein kirchliches Lehramt brauchen, das die Schrift für uns filtert. Wie bei den Römisch-Katholischen ist es uns dann nicht erlaubt, irgendetwas in der Schrift zu sehen, zu dem unser (reformiertes) kirchliches Lehramt sagt, dass es nicht da ist. Und wie Loyola sollten wir dann sagen, dass weiss schwarz ist (und Israel die Gemeinde ist), wenn Mutter (reformierte) Kirche es uns so sagt.2
Der Dispensationalismus sucht die Bedeutung alttestamentlicher Texte im Text selbst
Im Dispensationalismus sind das Alte und das Neue Testament gleichberechtigt Gottes Wort. Das Neue Testament schliesst die im Alten Testament begonnene Offenbarung Gottes ab. Das bedeutet: Das Alte Testament wird nicht einfach vollumfänglich vom Neuen Testament erfüllt, übertrumpft und abgelöst. Tatsächlich haben sich im Neuen Testament zahlreiche Prophezeiungen des Alten Testaments wörtlich erfüllt – aber längst nicht alle. So manches alttestamentliche Versprechen Gottes wartet noch auf seine wörtliche Einlösung.
Wenn Dispensationalisten das Alte Testament lesen, suchen sie deshalb die Bedeutung des Textes in erster Linie in dem, was der alttestamentliche Autor tatsächlich ausgesagt hat. Es ist möglich, dass Gott im Neuen Testament mehr tut, als das, was ein alttestamentlicher Prophet angekündigt hat. Gott kann im Neuen Testament eine «alttestamentliche Stelle» auch «auf eine Weise anwenden, wie es der alttestamentliche Autor nicht gesehen hat». – Aber «Gott wird niemals weniger oder das Gegenteil von dem tun, was der alttestamentliche Autor tatsächlich gemeint hat». Deshalb ist gemäss dispensationalistischer Sicht «die Bedeutung alttestamentlicher Stellen in den alttestamentlichen Stellen selbst verankert».10
Das Alte Testament muss auch verständlich sein, sonst hätte Christus Seinen Widersachern nicht sagen können:
Denkt nicht, dass ich euch bei dem Vater anklagen werde. Es ist einer, der euch anklagt: Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. Denn wenn ihr Mose glauben würdet, so würdet ihr auch mir glauben; denn von mir hat er geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben? (Joh 5,45-47).
Wenn man das Alte Testament «geistlich» auslegen muss und sonst nicht verstehen kann – so stellt Dan Phillips folgerichtig fest –, dann hätten die Feinde Jesu «richtigerweise entgegnen können»:
«Auf gar keinen Fall können wir durch Moses Schriften verurteilt werden oder durch die Propheten. Gott sagte ‹Israel›, aber Er meinte ‹überhaupt nicht das ethnische Israel, sondern die christliche Gemeinde›. Er nannte Städte, aber Er meinte sie gar nicht. Er versprach die vollständige nationale Wiederherstellung in den spezifisch möglichsten Ausdrücken, immer und immer wieder, aber Er hat es nie gemeint. All Seine Drohungen meinten genau das, was Er sagte, im Gegensatz zu Seinen Versprechungen, die etwas völlig anderes meinten. Also, nein, Jesus, Deine Lehren verdrehen Offenbarung in etwas Schleierhaftes und geben uns eine perfekte, redliche Entschuldigung, Dich abzulehnen. (…)»
Natürlich ist dies Unsinn. Christus und die Apostel behandelten das Alte Testament mit allem Respekt. Bethlehem bedeutete Bethlehem, ein Esel bedeutete ein Esel, Jerusalem bedeutete Jerusalem, Israel bedeutete Israel. (…) Gott behüte, dass wir nur in Theorie «Christus ehren» und Christus in der Praxis entehren.
Dies ist die Hermeneutik, von der Gott mich erlöste, indem Er mich vor Jahrzehnten aus der Sekte der «Religious Science» errettete. Wir taten das Gleiche, indem wir immer den «tieferen Sinn» fanden, der in Wahrheit das Gegenteil der Texte meinte, die wir einfach nicht mochten, weil sie nicht in unser System passten. 2
Der Dispensationalismus erkennt verschiedene Zeitalter
Dispensationalisten glauben, dass die Bibel verschiedene Zeitalter (Dispensationen) offenbart, in denen Gott unterschiedlich handelt. Gottes Wort macht beispielsweise deutlich, dass der Herr vor dem ersten Kommen Jesu anders geredet hat als danach (Hebr 1,1).
Unter Dispensationalisten gehen zwar die Meinungen zur Anzahl der Dispensationen in der Bibel auseinander (manche sagen 11, andere 9, andere 7, wieder andere 5 oder 4), doch im Wesentlichen sind sie sich einig, nämlich dass die Zeit vor Pfingsten eine andere ist als die Zeit nach Pfingsten. Und die Zeit nach der Rückkehr Jesu wird eine andere sein, als die Zeit davor.
Lukas 18,30 spricht von einem kommenden Zeitalter, Epheser 2,7 von kommenden Zeitaltern und Hebräer 6,5 von einem zukünftigen. In 1. Korinther 2,7 ist von einer Zeit vor den Zeitaltern die Rede. In Epheser 1,21 schreibt Paulus über «dieses Zeitalter». Und in Matthäus 24,3 fragen die Jünger nach dem neuen Zeitalter.
Henebury erklärt:
Wie Chafer und andere gesagt haben: «Jeder, der nicht im Tempel ein Tier am (jüdischen) Sabbat opfert, ist ein Dispensationalist.» Wenn man an ein Altes und ein Neues Testament glaubt, glaubt man an Dispensationen.9
Der Dispensationalismus unterscheidet Israel und die Gemeinde
Das dispensationalistische System ist sehr einfach. Trotzdem kann eine konsequente Umsetzung schwierig sein, weil kein Mensch die Bibel unvoreingenommen und ohne Einflüsse von aussen liest. Doch in einem Punkt sind sich alle Dispensationalisten einig. Und zu diesem Ergebnis kommt zwangsläufig jeder, der das Alte Testament nicht durch die Brille eines vorgefertigten theologischen Systems liest: Die Nation Israel hat noch eine Zukunft. Und die Gemeinde muss von Israel unterschieden werden.
Dispensationalisten glauben, dass der Neue Bund Israel verheissen wurde (Jer 31,31-34). Dieser Neue Bund ist auf Israel und die Gemeinde anwendbar (Hebr 8-10). Charles Ryrie erklärt zum Neuen Bund:
Er gründet sich auf den Tod Christi, der die Bezahlung für die Sünden aller Zeitalter ist. Für Israel noch Zukunft, verheisst dieses Bündnis Vergebung für das Volk Israel, Wiederherstellung Israels zum Gefallen Gottes, Frieden und den Wiederaufbau des Heiligtums Gottes.11
Demnach wurde der Neue Bund für die Nation Israel noch nicht erfüllt, wird aber in den Gläubigen aus Juden und Heiden teilweise «vorerfüllt».
Dispensationalisten verwerfen die Idee, dass die an Pfingsten entstandene Gemeinde eine geistliche Fortführung des alttestamentlichen Israels sei. Der Theologieprofessor Michael J. Vlach erklärt, «dass das Neue Testament die Gemeinde nie als ‹Israel› bezeichnet und nach wie vor eine Zukunft für Israel vorhersagt (Mt 19,28; 23,39; Apg 1,6; Röm 11)».10
In 1. Korinther 10,32 unterscheidet zum Beispiel Paulus eindeutig die Juden, die Welt und die Gemeinde voneinander.
Dispensationalisten glauben, dass die Erlösung in Christus Juden und Menschen anderer Nationalitäten vereint (Eph 2,11-22) und dass sie gemeinsam Gottes geistliches Volk, die Gemeinde, darstellen (Röm 9,26). Doch Israel hat als Nation «eine Rolle und Funktion in Gottes Zukunftsplänen». Nach dispensationalistischer Sicht wird Gott alle noch ausstehenden Verheissungen für Sein Volk Israel erfüllen (Apg 1,6; s. Jes 49,4-6).10
Dispensationalisten sehen den Abrahamitischen Bund (1.Mo 12) nicht bloss in der Gemeinde und der Verbreitung des Evangeliums erfüllt. Die bedingungslosen Landesverheissungen gelten nach wie vor Israel als Nation (1.Mo 15,9-18). Dispensationalisten glauben zwar, «dass gläubige Heiden der Same Abrahams werden (Gal 3,29), aber sie werden keine geistlichen Juden oder Israel».10
Wenn man durchgängig die grammatisch-historische Hermeneutik anwendet, ist es unmöglich, auf die Idee zu kommen, die Gemeinde sei eine Erfüllung, ein Ersatz oder eine Fortführung des Volkes Israel.
Zu jener Zeit, spricht der Herr, werde ich der Gott aller Geschlechter Israels sein, und sie werden mein Volk sein. So spricht der Herr: Ein Volk, das dem Schwert entflohen ist, hat Gnade gefunden in der Wüste. Ich will gehen, um Israel zur Ruhe zu bringen! Von ferne her ist mir der Herr erschienen: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gnade. Ich will dich wieder aufbauen, ja, du wirst aufgebaut dastehen, du Jungfrau Israel; du sollst dich wieder mit deinen Handpauken schmücken und ausziehen in fröhlichem Reigen. Du wirst auf den Höhen Samarias wieder Weinberge pflanzen; die sie angelegt haben, sollen sie auch geniessen. Denn es kommt ein Tag, da die Wächter auf dem Bergland von Ephraim rufen werden: Macht euch auf, lasst uns nach Zion gehen, zu dem Herrn, unserem Gott! Denn so spricht der Herr: Frohlockt mit Freuden über Jakob und jauchzt über das Haupt der Völker! Verkündet, singt und sprecht: Rette, o Herr, dein Volk, den Überrest Israels! Siehe, ich bringe sie herbei aus dem Land des Nordens und sammle sie von den Enden der Erde; unter ihnen sind Blinde und Lahme, Schwangere und Gebärende miteinander; eine grosse Gemeinde kehrt hierher zurück! Weinend kommen sie, und unter Flehen führe ich sie; ich will sie zu Wasserbächen führen auf einem ebenen Weg, auf dem sie nicht straucheln werden; denn ich bin Israel zum Vater geworden, und Ephraim ist mein Erstgeborener. Hört das Wort des Herrn, ihr Heidenvölker, und verkündigt es auf den fernen Inseln und sprecht: Der Israel zerstreut hat, der wird es auch sammeln und wird es hüten wie ein Hirte seine Herde (Jer 31,1-10).
Der Dispensationalismus ist biblisch
Das theologische Modell des Dispensationalismus mag vielen Christen nicht gefallen, doch es ist biblisch … Dieser Tage scheint der Dispensationalismus unter starkem Beschuss zu stehen. Attacken kommen aus allen Lagern. Dies sollte einen Dispensationalisten nicht verängstigen oder verunsichern.
Die teils heftigen Reaktionen zeigen, dass das dispensationalistische System ernst genommen wird. Es ist an dir, zu entscheiden, ob es auch biblisch ist. Dr. Thomas Ice meint jedenfalls zu all den Angriffen:
Trotzdem ist dies nicht der Untergang und der Dispensationalismus liegt nicht im Sterben. In evangelikalen akademischen Kreisen erfährt er ein Wiederaufleben des Interesses und ist nach wie vor eine populäre Theologie mit grossem Einfluss auf die christliche Welt.12
Die Frage, die sich nun stellt: Bist du ein Dispensationalist? Bibellehrer Mal Couch zeigt auf, wie man ein Dispensationalist sein kann, ohne sich von einer «Menge theologischer Drehungen und Wendungen» im Bibelverständnis verwirren zu lassen. Er gibt zehn sehr einfache Richtlinien:
1. Lassen Sie die Bibel für sich selbst sprechen. (…)
2. Werden Sie nicht «theologisch» und philosophisch beim Versuch, Dispensationalismus zu definieren.
3. Verstehen Sie den fortlaufenden Fluss in der Heiligen Schrift. Die Bibel bewegt sich nach vorne. Lassen Sie dies ohne Komplikationen zu. Dies nennen wir fortlaufende Offenbarung.
4. Seien Sie nicht so schnell dabei, die Bibel durch irgendein traditionelles theologisches System auszulegen (…). Ich muss Gottes Wort kein System aufzwängen, um es für sich selbst sprechen zu lassen. (…)
5. Suchen Sie nach Veränderungen und Kontrasten, die beim Lesen des Textes offensichtlich werden.
6. Allegorisieren und «vergeistigen» Sie die Heilige Schrift nicht. Nehmen Sie die Worte in ihrer allgemein möglichsten Bedeutung.
7. Verwenden Sie den gesunden Menschenverstand bei der Auslegung der Bibel. Werden Sie nicht hochtrabend und machen Sie die Gedanken der Verse nicht zu kompliziert.
8. Beachten Sie sorgfältig den Kontext der verschiedenen Passagen. Betrachten Sie die einfache Bedeutung der Worte, die Grammatik der Sätze. Wiederum, lassen Sie die Bibel zu Ihnen sprechen; sprechen Sie nicht für sie!
9. Wenn Sie ein Pastor sind oder in einer Bibelschule unterrichten, lehren Sie wenn möglich hauptsächlich Vers für Vers. Die Bibel ist in der Lage, sich selbst zu erklären! Lesen Sie nicht das in den Text hinein, was Sie sagen wollen.
10. Der Ausleger muss so offen wie möglich zur Bibel kommen, ohne irgendwelche theologischen Tendenzen und Voraussetzungen. (…)
Obgleich die Bibel ihre Komplikationen hat, ist sie an sich nicht kompliziert. Sie spricht heute klarer zu meinem Verstand, meinem Herzen und meiner Seele als je zuvor!13
Fussnoten
1 Jean-Louis Goiran, «Das Wort richtig austeilen. Eine Widerlegung des Dispensationalismus», http://christozentrisch.wordpress.com
2 Dan Phillips, «Twenty-five stupid reasons for dissing dispensationalism», http://bibchr.blogspot.com
3 Siehe Kommentare von «apologet» auf http://aufdurchreise.com zu «Die Theologie des Bundes»
4 Siehe Kommentar von «christozentrisch» auf http://aufdurchreise.com zu «Die Theologie des Bundes»
5 George Eldon Ladd, «Historic Premillennialism», in The Meaning of the Millennium: Four Views, 21, zitiert von Michael J. Vlach, «You Might Be a Dispensationlist if …», 2010 Conference Notes auf http://www.shepherdsconference.org/conference/notes
6 Charles C. Ryrie, Die Bibel verstehen, S. 145
7 Ebd., S. 140
8 Dr. Robert L. Reymond, «Disputation of NiceneCouncil.com On The Power and Efficacy of Dispensationalism – or – The Ninety-Five Theses Against Dispensationalism», www.againstdispensationalism.com
9 Paul Martin Henebury, «Answering the 95 Theses Against Dispensationalism», http://drreluctant.wordpress.com
10 Michael J. Vlach, «You Might Be a Dispensationlist if …», 2010 Conference Notes auf http://www.shepherdsconference.org/conference/notes
11 Charles Ryrie, Lexikon zur Endzeit, Hrsg.: Mal Couch, S. 109
12 Dr. Thomas Ice, «A Short History of Dispensationalism», www.pre-trib.org
13 Dr. Mal Couch, «Proving The Dispensational Nature of the Bible Without Using the Word Dispensation», malcouchl@htcomp.net

Hallo,
Du fragst, ob einerseits der Dispensationalismus unbiblisch und andererseits, ob der Dispensationalismus eine “wachelige theologische Konstruktion” sei.
Beide Fragen möchte ich so beantworten: ja, der Dispensationalismus ist unbiblisch und ja, der Dispensationalismus ist ein Gedankenkonstrukt, dessen Vertreter anmaßen, ihre Konstruktion sei theologisch und auf der Grundlage der Heiligen Schrift gestellt.
Den Dispensationalismus kann man aber weder als bibeltreu noch als auf der Grundlage der Heiligen Schrift gestellt sehen.
Jenes Gedankenkonstrukt und dessen Vertreter stehen zudem nicht im Einklang mit dem Wort Gottes und dem Heiligen Geist, wenn man durch eine weitere Anmaßung vorgibt, dass der Dispensationalismus mit den Grundsätzen der Reformation vereinbar sei. Dies ist Betrug und eine offensichtliche Lüge, um sich mit der Autorität der reformatorischen Lehre schmücken zu können.
Du hoffst nunmehr, dass, wenn es die Gnade Gottes Dir offenbare möge, Du es zu erkennen vermagst, den Dispensationalismus als unbiblisch einstufen zu können.
Des Weiteren möchtest Du Gottes Wort so sehen, wie ER es meint.
Auf der einen Seite scheint dies ein demütiges Anliegen zu sein, aber auf der anderen Seite müsste Dein Unterfangen auch ehrlich gemeint sein, nach dem Eintreffen dieser Erkenntnis den Dispensationalismus auch als unbiblisch bezeichnen zu wollen.
Meines Erachtens wäre allerdings der erste Schritt zur Bereitschaft, den Dispensationalismus als unbiblisch zu klassifizieren, wenn Du nicht nur eine Gesprächsbereitschaft signalisiert, sondern vor allem eine neutrale Stellung gegenüber dem Dispensationalismus einnehmen würdest.
Mir scheint jedoch, dass die Einnahme einer neutralen Stellung für Dich als sehr schwierig erweisen wird, wenn Du bei Deiner nachfolgenden Diskussion weiterhin am Dispensationalismus als Argumentationsgrundlage festhalten solltest.
Nach Jesaja 57,14 geht es vor allem darum, Hindernisse aus dem Weg zu räumen: Bahnt einen Weg bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass man einen Weg für den Dispensationalismus zu bahnen habe, sondern dass man jedes Hindernis aus dem Weg des Volkes Gottes zu beseitigen habe. Und hier kommt gleich der erste Stolperstein, denn es stellt sich hier die Frage, ob man selber in der Lage und fähig dazu ist, dieses Hindernis selbst und eigenmächtig beseitigen zu können.
Die Grundlage einer ehrlich gemeinten und demütig vollzogenen Diskussion kann es daher nur sein, das Gedankenkonstrukt mit der Bezeichnung Dispensationalismus als ein Hindernis anzusehen, selbst wenn man nicht in der Lage und dazu fähig ist, den Dispensationalismus als ein Hindernis beseitigen zu können.
Worauf kommt es nunmehr beim Glauben an Jesus Christus wirklich an ? Ist es denn wirklich sinnvoll, sich mit dem irdischen Volk Israel zu beschäftigen ? Nein !
Liegt der wirkliche Glaube an Jesus Christus nicht vielmehr darin, das zu suchen, was Jesus Christi ist und nicht das zu suchen, was das jeweils unsrige ist ? (Vergleiche Philipper 2,21 mit Johannes 7,18 und 2. Korinther 5,15).
Der erste Schritt, den Dispensationalismus als unbiblisch bezeichnen zu können, wäre meiner Meinung nach das eigene Eingestehen, dass der Dispensationalismus in keinster Weise als eine reformatorische Lehre einzustufen ist, so dass jene Lehre noch nicht einmal in einem Atemzug neben den reformatorischen Grundsätzen aufgezählt werden darf, um den Eindruck erwecken zu wollen, dass dispensationalistisch gleich reformatorisch sei.
Es sind nunmehr alle Menschen gleich und wer aber dagegen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe oder einer bestimmten sozialen Schicht den Vorrang gibt, um damit eine eigene Lehre zu begründen, handelt somit nicht im reformatorischen Sinne.
Wer nun diesen Gedanken nicht gleich von sich weisen möchte, so sollte man zugleich daran denken, dass die Begründung einer eigenen Lehre nicht nur gegen reformatorische Grundsätze der Bibelauslegung verstößt, sondern dass eine eigene Lehre wie der Dispensationalismus vor allem auch nicht im Sinne des Wortes Gottes sein kann, wenn man z.B. gegen Jakobus 2,1 trotz all dem einen Glauben an Jesus Christus beansprucht, der mit Ansehen der Person und nicht ohne Ansehen der Person geschieht.
Folglich ist derjenige, der dem irdischen Volk Israel eine besondere Stellung verschaffen möchte, kein Vertreter der reformatorischen Lehre. Es liegt dazu auch eine andere Sichtweise in der Frage der Heimsuchung Gottes vor, zumal die Bibelverse in 5. Mose 32,29; Jeremia 5,31 und Lukas 19,42-44 die Frage aufwerfen, was zum Frieden dient. Die Befürworter des irdischen Israels können diesbezüglich nicht die Antwort auf diese Frage geben, ohne ihr Gedankenkonstrukt zu verwerfen und gleichzeitig die reformatorische Lehre zu vertreten.
Ein » sowohl als auch « charakterisiert aber dagegen nicht den entscheidenden Ansatz von Martin Luther in Römer 1,17, dass der Gerechte aus Glauben leben wird.
Der Dispensationalismus ist dementsprechend mit den Errungenschaften von Martin Luther und Johannes Calvin nicht vereinbar. Sollten wir uns also darauf verständigen können, dann hättest Du zumindest den ersten Schritt getan, Deinem Anliegen gerecht zu werden, den Dispensationalismus gründlich zu prüfen.
Gnade und Frieden
in Jesus
Oliver
René,
ich finde lobenswert, dass Du Gottes Willen erkennen möchtest.
Versuche dein System zu verteidigen!
Höre nicht zu viel auf Oliver Rau
@Olli ich teile nicht deine Meinung, dass das Volk Israel keine besondere Stellung mehr hat. Das wird von Römer 11,28-32 klar widerlegt.
Markus 5 (u.a.) beschreibt sehr gut die Situation: Jesus will die Tochter des Jairus (Bild für Israel) heilen. Dazwischen kommt die blutflüssige Frau (Bild für die Heiden). Das verzögert die Heilung des Mädchens. Sie stirbt, so dass aus Menschen Sicht keine Hoffnung mehr besteht, aber Jesus wird sie am Ende trotzdem auferwecken.
Gruß,
JL
@Jean Louis:
– das irdische Volk Israel hatte – abgesehen davon, dass es beauftragt war, das Wort Gottes zu bewahren – nie eine besondere Stellung innegehabt. Diesem Auftrag wurde es zudem nicht gerecht, weil das irdische Volk Israel diesen Auftrag auch gar nicht ausführen konnte.
- Deine Auslegung von Markus 5 ist zu allegorisch und hat mit einer reformatorischen Auslegung nichts zu tun. Deine kurze Darstellung muss ich daher ablehnen.
- Römer 11,2 ist maßgeblicher: “Gott hat sein Volk nicht verstoßen, daß er vorher erkannt hat.” In diesem Zusammenhang ist die Frage zu klären, wer zu dem Volk gehört, dass Gott vorher erkannt hat.
- Römer 11,28 spricht zwar von der Auswahl, aber nur in Bezug auf die Auserwählung einiger und nicht in Bezug auf eine kollektive Rettung des irdischen Israels in seiner Gesamtheit.
@Rene:
Es ist nicht richtig, ein System zu verteidigen, über dessen “Richtigkeit” man selber gerade im Zweifeln ist. Ob Du zweifelst, weiß ich nicht, aber vielleicht scheinst Du aufrichtig bemüht zu sein, verstehen zu wollen.
- Du schreibst: “Aber wenn der Dispensationalismus unbiblisch ist, hoffe ich das durch Gottes Gnade zu erkennen.” Dazu schreibst Du, dass dies Dein Gebet sei …
- Warum sollte ich Dich also irgendwie beeinflussen wollen, wenn es dein Gebet ist ?
Gnade und Frieden
in Jesus
Oliver
1) Die reformatorische Exegese ab Luther beschränkt sich in erster Linie auf den Schriftsinn, aber die Allegorese wird nicht ganz verworfen, sofern sie begründet und dem Glauben nützlich ist. Der unmittelbare Kontext (Heilung des Gadareners, Verwerfung Jesu in Nazareth) sowie die Zahlensymbolik (die Zahl 12) in diesem Text von Markus 5 fallen ins Auge.
2) Ich habe nie an eine kollektive Rettung des Volkes Israel gedacht, sondern eher an eine massive Bekehrung von erwählten Israeliten. Genauso spricht der Vers 32 “denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme” nicht für die Allversöhnung.
3) Man muss sich mit dem Dispensationalismus intensiv beschäftigen, bevor man seine Schwächen entdeckt. Solange man seine Vorliebe hat, kommt man leider nicht raus…
Gruß, Jean-Louis
@Jean-Louis:
zu 1.)
Ich teile Deine Meinung bezüglich Markus 5,21-43 nicht, denn die dortige Kernaussage bezieht sich m.E. auf die Unfähigkeit bzw. auf die Fähigkeit des Bekennens des Glaubens sowie natürlich auf das Bekennen des Glaubens an sich, so dass daraus die Aussage folgt: dein Glaube hat Dich geheilt (vgl. Römer 10,10.16).
Deine Zahlensymbolik muss ich als nicht reformatorisch verwerfen. Ebenso auch Deine Ansätze, etwas als reformatorische Schriftauslegung zu bezeichnen, welche jedoch nicht reformatorisch ist.
Die reformatorische Schriftauslegung bezieht sich hauptsächlich auf den Grundsatz, dass die Schrift sich selber auslegt und zwar auf Jesus hin.
In Markus 5 sehen wir daher die Problematik, dass es Jesus ist, von dem die Kraft auf Menschen ausgeht, den eigenen Glauben zu bekennen.
Dies steht im Gesamtkontext der Bibel, welcher sich mit dem Thema Unreinheit beschäftigt (vgl. 3. Mose 15,25; Matthäus 9,20ff. mit Matthäus 15,11) und bezeichnet u.a. den Kontrast des Redens bzw. Nichtredens in Matthäus 12,34-37 hinsichtlich der Fähigkeit bzw. der Unfähigkeit, das Wort Gottes im eigenen Munde zu führen oder nicht.
Ich empfehle daher nicht nur zu Deiner angesprochenen Allegorese-Problematik die Predigtreihe von H.W. Deppe : Wird Israel wieder hergestellt ? Insbesondere scheint Teil 4: Römer 11,16-36 ab Minute 9:50 bis Minute 11:35 für die Allegorese interessant zu sein
http://www.betanien.de/verlag/material/index.php?kategorie=Eschatologie
zu 2.) und 3.)
zur Kenntnis genommen
Gnade und Frieden
in Jesus
Oliver
@ christozentrisch. Danke.
@ OllyRau: Danke auch. Allerdings zweifle ich nicht gerade am dispensationalistischen System – aber falls ich Zweifel bekomme, hoffe ich, dass ich ehrlich genug bin, dies mir einzugestehen. Ich sehe dies hier als eine Win-Win-Situation. Entweder erhalte ich ein klareres Bild vom dispensationalistischen System oder ich sehe, dass es falsch ist – und ich kann meine Sicht revidieren. Im Moment sehe ich aber keinen Anlass zu letzterem. Da ich aber nicht allwissend bin und meine Meinung nicht der Weisheit letzter Schlus ist, kann ich nicht kategorisch ausschliessen, dass ich jemals Zweifel bekomme. Von dem her, immer nur her mit euren Einwänden.
LG
René
@René:
Sammelst du nur Einwände oder gehst Du auch noch darauf ein ?
Bei einer so genannten win-win-Situation würde ich zumindest an Deiner Stelle nicht auf eine Argumentation setzen, die das eigene System als fehlbar darstehen lässt, insbesondere wenn Du sowieso keinen Anlass im Vorfeld siehst, Deine Sicht zu revidieren, denn so suggerierst Du bei falscher Ausgangslage eine unwürdige Situation, die auf falschen Tatsachen aufgebaut ist.
Demnach war Dein “Aber wenn der Dispensationalismus unbiblisch ist …” nur eine rhethorische Luftblase und untermauert nicht gerade Dein ernsthaftes Bemühen, den Dispensationalismus wirklich prüfen zu wollen.
Wie gründlich kann man aber etwas prüfen, wenn man nicht ernsthaft bei der Sache ist ???
Gnade und Frieden
in Jesus
Oliver
Guten Morgen!
Ich werde auch auf die Einwände eingehen.
Meines Erachtens bin ich ernsthaft bei der Sache. Aber falls du dich jetzt mit meiner Herangehensweise nicht anfreunden kannst, ist es vielleicht tröstlich zu wissen, dass der Moment kommt, wo alles offenbar wird und ersichtlich wird, wie aufrichtig und richtig der jeweilige Christ war.
LG
René
Guten Tach !
Naaa, ein Glück, dass Du es nicht bist, der diesen Moment gestaltet, “wo alles offenbar wird und ersichtlich wird, wie aufrichtig und richtig der jeweilige Christ war.”
Mir scheint, dass Du nicht ernsthaft bei der Sache bist, denn es geht hier auch um die von Dir postulierte Gründlichkeit, welche ich bei Dir (noch) vermisse
Gnade und Frieden
in Jesus
Oliver
Eine wesentlicher Unterschied zum Dispensationalismus besteht darin, dass die Bundestheologie bzw. reformierte Theologie von einer Kontinuität des AT und NT ausgeht.
Wenn ich die Bibel als Ganzes und im Zusammenhang sehe, dann ist diese Kontinuität meines Erachtens deutlich erkennbar. Das seltsame am Dispensationalismus besteht für mich vor allem auch darin, dass “er” in gewisser Hinsicht genau weiss, wann Gott wie gehandelt hat. Und weil der Dispensationalismus das weiss, besteht die Gefahr seiner Anhänger darin, zu predigen oder weiterzugeben wie Gott in welcher Heilszeit handelt. Nicht zuletzt in meiner eigenen Erfahrung sehe ich aber Gott als denjenigen dessen Handeln und Wege oft völlig unerklärbar sind.
Pingback: Ist der Dispensationalismus unbiblisch? « Auf Durchreise
Pingback: Der «Lordship»-Streit « Auf Durchreise
Pingback: Freust du dich über die Bekehrung der Juden? « Auf Durchreise
Pingback: Ein Königtum von Priestern « Auf Durchreise
Pingback: Wer überwindet … « Auf Durchreise
Pingback: Endzeitwahn « Auf Durchreise
Pingback: Buch: Insiderinfos über «Leben in der Naherwartung» « Auf Durchreise
Pingback: Mein Herr kommt noch lange nicht « Auf Durchreise
Pingback: Demut: von Timotheus | Auf Durchreise
Pingback: Das calvinistische Erbe des Dispensationalismus | Auf Durchreise
Pingback: Systemkritik | Auf Durchreise
Pingback: Prometheus, die Schöpfung und göttlicher Zorn | Auf Durchreise
Pingback: Israel: Der gemeinsame Nenner aller Dispensationalisten | Auf Durchreise
Pingback: Ersatztheologie: Raub an den Juden | Auf Durchreise
Pingback: Betrachtet nicht Matthäus selbst Jesus als das wahre Israel? | Auf Durchreise
Pingback: Die biblische Lehre über Auserwählung und Zuvorbestimmung | Auf Durchreise
Pingback: Dispensationalisten vs. Reformierte | Auf Durchreise
Pingback: Was sollen wir mit dem Gesetz Moses tun? | Auf Durchreise