
In einer Fernsehserie sagte eine Person einmal zur anderen: «Gott hat die Sünde erfunden, damit Er Seine Gnade erweisen kann.» Diese Aussage klingt fast ein bisschen hypercalvinistisch. In der Serie sagte es die Person tatsächlich, um Untreue herunterzuspielen. Wenn wir eingehend darüber nachdenken, wie die Sünde überhaupt in Gottes perfekte Schöpfung kommen konnte, stossen wir schnell an unsere Grenzen.
Der Theologe Paul Humburg (1878-1945) meinte:
Wie kam in Gottes gute Welt die Sünde hinein? Ich glaube, es gehört zum Wesen der Sünde, dass wir sie nicht erklären können. Weil wir in der Sünde sind, ist unser Verstand von ihr verdunkelt, sodass wir auf diese Fragen keine Antwort wissen. Es ist ein unerklärbarer und für unsere Vernunft unverständlicher Tatbestand, dass die Sünde in Gottes Welt hineingekommen ist. Es muss wohl unerklärt bleiben, denn wenn man sie erklären könnte, dann wäre ja die Sünde nicht eine Durchbrechung von Gottes Welt (Paul Humburg, Ewige Erwählung, zitiert von Benedikt Peters in seinem Manuskript «Anthropologie oder die Lehre vom Menschen»).
Tatsächlich scheint es so, dass die Sünde die Gnade Gottes umso überströmender wirken lässt (vgl. Röm 5,20). Und doch steht ausser Frage, dass Gott nicht einmal ansatzweise der Urheber der Sünde ist (Jak 1,13). Weil das «Konzept der Sünde» quasi nicht erschöpfend erklärbar ist, schlägt die Welt regelmässig vor, die Sünde aus der Realität zu streichen. Das klingt dann in etwa so wie folgender Spiegel-Online-Kolumne mit dem bezeichnenden Titel «Nur die Sünde macht selig»:
Aber wenn es gar keine Sünden gibt? Wäre Jesus dann umsonst gestorben? Mussten die Christen also die Sünde erfinden, damit ihr Glaube funktioniert? Mussten sie sagen, dass der Mensch schlecht ist, weil sonst die Sache mit den Sünden nicht aufgehen würde? Haben sie sich ein Menschenbild geschaffen, damit ihr Gotteskonzept hinhaut?
Der Jesus am Kreuz ist ein leidender Jesus – die Christen haben das Leiden nicht erfunden, aber sie haben es erhöht und verklärt zum Zeichen der Liebe. Ist aber damit an Ostern die Hoffnung in die Welt gekommen oder die Angst? Denn erst die Angst macht ja die Hoffnung plausibel. Ohne Angst braucht man auch keine Hoffnung. Ohne Angst kann man einfach leben, im Hier und Jetzt, ohne auf Erlösung, Vergebung, das Jenseits oder andere metaphysische Tricks zu warten.
Natürlich erschien dieser überaus (un-)helle Kommentar von Georg Diez zur Osterzeit. Und eigentlich ist es wahr: Wenn es keinen Gott gibt, dann gibt es auch keine Sünde. Aber, jetzt kommt das grosse Aber: Es gäbe sehr wohl sehr viel Angst. Wenn wir dem Darwinismus freien Lauf lassen würden, wenn wir den Atheismus und die Evolutionstheorie konsequent umsetzen würden, dann kann ja jeder tun, was ihm recht dünkt: Morden, vergewaltigen, Kinder schänden, Menschen essen, betrügen, lügen, stehlen, denn es gäbe ja weder eine letzte moralische Instanz (nämlich Gott) noch die Sünde. Würden solche Voraussetzungen wirklich zu einem Leben ohne Angst führen?
Die Leiden in unserer Welt, die Ungerechtigkeiten, die selbst der grösste Atheist empfindet, sind ein eindrücklicher und schmerzhafter Beweis sowohl für die Existenz Gottes als auch für die Existenz der Sünde. Ohne Sünde gäbe es tatsächlich keine Erlösung, keine Vergebung. Doch da Sünde existiert, ist Erlösung und Vergebung notwendig. Danken wir Gott dem Herrn, dass Er einen Ausweg geschaffen hat, dass Er Seinen Sohn in die Welt gesandt hat und dass das Evangelium Realität ist.
Wir mögen vielleicht nicht zufriedenstellend erklären können, wie es die Sünde geschafft hat, in die perfekte Schöpfung eines allmächtigen, allgegenwärtigen und allwissenden Gottes zu kommen. Aber wir wissen, dass der liebende, gerechte und heilige Gott noch vor dem Aufkommen der Sünde das Heilmittel festgelegt hat.
Der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn (Röm 6,23).