Buch: Against Calvinism

Krieg

Die Diskussion rund um den Calvinismus wird im christlichen Lager in der Regel ziemlich emotional geführt. Beide Seiten führen schwere Geschütze auf (Calvinisten und Gegner) und jeder fühlt sich vom anderen missverstanden und falsch zitiert. In diesem Streit zur Natur der Erwählung erweist sich ein Buch von Roger E. Olson als ein angenehmer, sachlicher Lichtblick. 

Ganz ehrlich muss ich gestehen, dass ich ziemlich viele Bücher von Calvinisten lese; nicht zwingend Bücher für oder über Calvinismus … aber doch, so habe ich festgestellt, lese ich aus irgendeinem Grund lieber calvinistische Theologen als irgendwelche andere aus dem christlichen Lager. Da ich mich in einem Umfeld bewege, in dem die meisten Punkte des Calvinismus entschieden abgelehnt werden, hielt ich es für sinnvoll, auch mal Bücher gegen die reformatorischen Gnadenlehren zu lesen. Und so stiess ich auf das Buch Against Calvinism.

Der mir bis anhin unbekannte Theologe Roger E. Olson hält sich dankenswerterweise gar nicht dabei auf, Calvin so schlecht wie nur irgend möglich zu machen, sondern greift die sogenannten Gnadenlehren direkt auf. Ihm geht es nur um Theologie und nicht um Nebenkriegsschauplätze. In seiner Argumentation verhält er sich stets wie ein ausgesprochener Gentleman, etwas, das man in der hitzigen Calvinismus-Diskussion leider nicht immer von Befürwortern und Gegnern behaupten kann. Das bedeutet nicht, dass Olson mit seiner Meinung hinter dem Berg hält. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er glaubt, die logische Schlussfolgerung der bedingungslosen Vorherbestimmung mache aus Gott ein Monster. Doch er differenziert und sagt nicht, die Calvinisten würden ein Monster als Gott verkündigen, er argumentiert lediglich, dass dies die logische Schlussfolgerung ihrer Lehren sein müsste, wenn Gott alles vorherbestimmt. Wieder: Olson unterstellt Calvinisten nicht, dass sie dies bewusst lehren, doch er zeigt auf, wohin aus seiner Sicht die Logik des Calvinismus führt.

Was ich sehr an Against Calvinism schätze, ist Olsons Ehrlichkeit. Er räumt von vorneherein ein, dass die Diskussion über Vorherbestimmung, Auserwählung usw. eine theologische Frage ist. Jede Seite kann Bibelverse vorbringen und sie im Licht seiner Theologie deuten. Die Frage ist, welche Theologie entspricht dem, wie Gott sich offenbart hat. Roger E. Olson argumentiert für den klassischen Arminianismus und entschärft in seinem Buch so nebenbei einige falsche Vorwürfe, die die Calvinisten gerne gegen den Arminianismus vorbringen. Es ist offensichtlich, dass der Arminianismus heute zu Unrecht einen so schlechten Ruf «geniesst». Die meisten Evangelikalen sind heute in der Praxis nach wie vor Arminianer, auch wenn sie sich nicht gerne so nennen. Roger E. Olson, ein überzeugter Arminianer, bricht ungeniert eine Lanze für den Arminianismus.

Olson kennt die reformatorischen Lehren in- und auswendig. Daran lässt er im Verlauf des Buches keinen Zweifel. Er hat keine Angst vor Calvinisten, er greift ihre stärksten Argumente auf, er verlässt sich nicht auf Halbwahrheiten und er bemüht sich sehr, den Calvinisten nicht etwas in den Mund zu legen, was sie nicht lehren.

Against Calvinism ist das beste Werk gegen die calvinistischen Lehren, das ich bislang gelesen habe. Wer englisch kann, sollte dieses Buch unbedingt dem Buch Erwählung – Wer, wie und wozu? vorziehen. Sicherlich sind einige Illustrationen von Olson aus calvinistischer Sicht leicht auseinanderzunehmen. Und ich glaube auch nicht, dass dieses Buch sämtliche Calvinisten von ihrem Calvinismus abbringen wird … doch Against Calvinism stellt die richtigen Fragen, regt zum Nachdenken über Gott und Seine Lehre an und argumentiert stets fair.

Against Calvinism ist ein angenehmer, intellektuell anregender Lichtblick in einer ansonsten allzu emotional geführten Diskussion.

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6 Gedanken zu “Buch: Against Calvinism

  1. Lieber René,

    ich habe das Buch zwar nicht gelesen, aber jetzt manches online nachgelesen bzw. gehört. Für Interessierte gibt es sogar den Beginn einer Debatte mit Michael Horton bei Youtube zum Thema (“For and Against Calvinism Part 1+2). Der Zuhörer möge sich hier selbst eine Meinung bilden bzw. auch die Argumentationsweise beurteilen.

    Eine Aussage aus dem Buch, die meines Erachtens doch zum Nachregen anregen sollte, was die Herangehensweise an die Schrift oder die Thematik selbst betrifft:

    “One day, at the end of a class session on Calvinism’s doctrine of God’s sovereignty, a student asked me a question I had put off considering. He asked: “If it was revealed to you in a way you couldn’t question or deny that the true God actually is as Calvinism says and rules as Calvinism affirms, would you still worship him?”
    I knew the only possible answer without a moment’s thought, even though I knew it would shock many people. I said no, that I would not because I could not. Such a God would be a moral monster. Of course, I realize Calvinists do not think their view of God’s sovereignty makes him a moral monster, but I can only conclude they have not thought it through to its logical conclusion or even taken sufficiently seriously the things they say about God and evil and innocent suffering in the world.
    Olson, Roger E. (2011-10-11). Against Calvinism: Rescuing God’s Reputation from Radical Reformed Theology (p. 85). Zondervan. Kindle Edition.”

    Bei allem gebotenen Respekt frage ich mich, wo hier der Raum bei Olson gegeben ist, sich hinsichtlich einer geprägten Sicht oder Meinung korrigieren zu lassen, wenn es der exegetische Befund aus der Schrift einfordern würde (und nicht “weil es die Calvinisten so vertreten”).
    Bestimmt “mein Bild von Gott” meine Exegese oder offenbart sich Gott durch Sein Wort in der Exegese?

    By the way: Bin ich froh, dass ich nicht “meine Logik” bemühen muss, um einen “logischeren” Weg zu finden als das rettende Evangelium, sondern dieses im Glauben ergreifen darf!

    Im Übrigen bin ich dankbar, dass du aus deinem Artikel einen Abschnitt gelöscht hast, der sicher sehr anstößig gewesen wäre.

    Liebe Grüße,

    Harry

    • Ja, diese Aussage von Olson hat mich in der Tat ein wenig stutzig gemacht, aber er war immerhin ehrlich. (Ich lese ab und zu auch sein Blog; seine Haltung zur Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel verstehe ich nicht so ganz). Liebe Grüsse René

  2. Hallo zusammen,

    ich habe das Buch auch gerade fertig gelesen (bzw. als Hörbuch gehört).

    Olson muss sich in mindestens einem Punkt die Kritik von James White gefallen lassen, und zwar dass er nicht gerade tief in die Exegese der einschlägigen Schriftstellen einsteigt. Vielmehr argumentiert er weitgehend allgemein/philosophisch gegen das, was er Determinismus nennt, obwohl man hier wohl eher von der Schrift her argumentieren sollte. Gerade in grammatische Fragen des Urtexts steigt er praktisch gar nicht ein obwohl sich das ja durchaus anbieten würde.

    Davon abgesehen sollte man Olsen grundsätzlich mit Vorsicht geniessen. Er ist sicherlich nicht das, was man als bibeltreu bezeichnen würde, vielmehr dürfte er vom theologischen Standpunkt her zwischen Liberaltheologie und Evangelischer Allianz anzusiedeln sein. So bezeichnet er John Piper und andere als “Konservative”, sympathisiert mit Feminismus und argumentiert gleichzeitig gegen die biblische Stellung des Mannes, empfiehlt das Buch “Die Hütte”, hält die Schrift nicht für irrtumslos und verschiedenes anderes.

    James White berichtete, dass ein Kommentar von ihm auf Olsons Blog gelöscht wurde und eine Anfrage an Olson selbst nie beantwortet wurde. Auch ich habe erlebt, wie eigenartig Olson mit Kritik umgeht: Eine höflich formulierte Frage zu seiner Haltung zum Thema Verhältnis der Stellung von Mann und Frau wies er barsch zurück und kündigte an, dass er keinen weiteren Kommentar von mir veröffentlichen werde. So war es dann auch, das Posting meiner – etwas irritierten – Entschuldigung wurde gar nicht erst veröffentlicht.

    Natürlich muss man Olsons Bücher für sich selbst sprechen lassen, aber manchmal ist es – wenigstens aus meiner Sicht – hilfreich, wenn man weiß, aus welcher Richtung jemand an die Dinge herangeht.

    Ich werde mal noch sein Buch “Arminian Theology” lesen, mal sehen, wie er da argumentiert.

    Gruß
    Oliver

    • Ich lese sein Blog noch gerne, obwohl ich eher selten einer Meinung mit ihm bin. Aber es ist interessant, Gedanken aus einer anderen Richtung zu lesen. Nun ja, John Piper ist auch konservativ. Auch wenn es als “Schimpfwort” gebraucht wird, finde ich es nicht schlimm “konservativ” oder “fundamentalistisch” zu sein, wenn damit gemeint wird, dass man “biblizistisch” ist. :-)

  3. Das stimmt.

    Ich habe prinzipiell auch kein Problem, das zu sein, was die Presse mittlerweile als (selbstverständlich erz-) konservativen christlichen Fundamentalisten bezeichnet ;)

    Sei’s drum.

  4. Pingback: Die biblische Lehre über Auserwählung und Zuvorbestimmung | Auf Durchreise

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