
Wir fundamentalistischen Christen haben in der Regel eine gute Vorstellung von dem, wie wir uns zu verhalten haben. Das ist durchaus in Ordnung. Die richtige Ethik ist Bestandteil des christlichen Lebens. Diesbezüglich lauert aber eine grosse Gefahr in christlichen Kreisen. Wir legen so viel Wert auf auf praktische Frömmigkeit, dass wir die Hauptsache, das Evangelium, vergessen.
Auch im sich selbst als so freievangelisch definierenden Lager werden allzu oft Namenschristen aufgezogen, die wissen, wie sie sich zu verhalten haben, aber nicht wirklich die volle Kraft des Evangeliums kennen. Sie mögen zwar verstehen, dass alles Gnade ist, aber ihre Kenntnis geht nur so weit, wie sie diese Gnade im Rahmen ihrer moralistischen Erziehung am besten ausnutzen können.
Teils unbewusst verknüpfen wir oft die Gnade Gottes mit unserem Verhalten. Wir werden «geistliche Buchhalter». Wir meinen, unser Verzicht auf etwas Bestimmtem oder unser Tun von etwas Bestimmtem könne auf die Habenseite verbucht werden, sodass Gott mit Seiner Gnade nun im Soll stehe.
Wir wissen: Ein Christ betrinkt sich nicht. Ein Christ hat kein Sex vor der Ehe. Ein Christ schaut keine Horrorfilme. Ein Christ hört kein Heavy Metal. Ein Christ hat nicht Hundert paar Schuhe. Ein Christ spendet regelmässig. Ein Christ flucht nicht. Ein Christ erzählt keine dreckigen Witze. Ein Christ liest täglich in der Bibel. Ein Christ geht nicht in die Disco. Ein Christ prügelt sich nicht. Ein Christ geht jeden Sonntag in die Gemeinde. Ein Christ muss evangelisieren. Und so weiter und so fort.
Das ist alles durchaus wahr. Schon ein halbwegs normaler Christ mit gesundem Menschenverstand, ein bisschen Heiliger Geist und einer durchschnittlichen Bibelkenntnis wird diesen Punkten in der Regel zustimmen. Doch wenn wir den Schwerpunkt auf diese Frucht des christlichen Lebens legen, werden wir – weitaus schneller als uns lieb ist – bloss zu Moralisten, die an ein «göttliches Karma» glauben.
Plötzlich fangen wir an zu glauben, Gottes Segen und Gnade hinge von unserer Leistung ab. Wir mögen dies zwar leugnen, weil wir theoretisch die Theologie des Kreuzes kennen. Aber in der Praxis verhalten wir uns so, als würden wir durch unsere Leistung gerecht gesprochen. Wir fangen an zu glauben, zu denken und uns so zu verhalten, als seien wir im Grunde gute Menschen, wenn wir nur die anerzogenen christlichen Massstäbe einhalten. Wenn dann aber etwas Schlimmes in unserem Leben passiert, bricht unsere Welt zusammen. Zum Beispiel: Wir bekommen nicht den Freund oder die Freundin, die wir gerne hätten. Wir bekommen nicht die Arbeitsstelle, die wir gerne hätten. Wir bekommen nicht die Zuneigung, die wir gerne hätten. Wir bekommen nicht das Lob, das wir gerne hätten. (Oder wir müssen tatsächlich mal richtig leiden.) Und dabei haben wir doch immer in der Gemeinde mitgeholfen! Dabei spenden wir doch regelmässig! Wir sind doch gute Christen, warum belohnt Gott uns nicht dafür?
Das ist Werksgerechtigkeit. Ein Christ verhält sich nicht gut oder moralisch, weil er gut oder moralisch ist. Ein Christ verhält sich nicht gut oder moralisch, weil er dafür im Leben Gutes bekommt. Das ist Karma. Ein Christ verhält sich gut oder moralisch, weil er die «die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus» erkannt hat. Ein Christ verhält sich gut oder moralisch, weil «Gottes Kraft», das Evangelium (Römer 1,16), sich in seinem Leben auswirkt.
Dem Apostel Paulus lag es sehr am Herzen, dass die Christen, Gottes Kinder, die Liebe des Christus verstanden. In der Mitte des Epheserbriefes schrieb er:
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie in den Himmeln und auf der Erde benannt wird, damit er euch gebe, nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, indem ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, damit ihr völlig zu erfassen vermögt mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Höhe und Tiefe sei, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt sein mögt zu der ganzen Fülle Gottes (Epheser 3,14-19).
Paulus betete dafür, dass die Epheser «die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus» erkennen würden. In den beiden Kapiteln zuvor hatte er diese «die Erkenntnis übersteigende Liebe» erklärt. Und erst nach dieser ausführlichen Einführung würde er ab Kapitel 4 erklären, wie praktische Frömmigkeit aussieht. Erst nachdem Paulus die Grundlage des christlichen Glaubens erklärt hatte, ging er auf das christliche Glaubensleben ein.
Paulus lag es nicht auf dem Herzen, dass die Christen perfekte Moralisten wurden. Es lag ihm auf dem Herzen, dass sie die unbeschreibliche Liebe und Gnade Gottes in Jesus Christus erkannten.
Erkennen wir «die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus»?