
Wer sind die Spezialeinheiten, die Elitetruppen, der Gemeinde? Sind es die Prediger? Die Ältesten? Die Organisatoren? Die Kollektenverwalter? Die Sonntagsschullehrer? Meiner bescheidenen Ansicht nach nicht. Es sind die Leute, die sogar von anderen Christen belächelt werden. Es sind die Leute, die sich des Evangeliums wirklich nicht schämen: die sogenannten Strassenevangelisten.
Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Verkündiger des Wortes viele Reaktionen erhalten können. Diese sind nicht immer positiv. Mit kritischen Anmerkungen zu Inhalt der Botschaft und Charakter des Botschafters per E-Mail oder Brief muss man rechnen. Aber es gibt auch sehr viel Anerkennung und Wertschätzung. Vor allem in konservativen, evangelikalen Kreisen werden überzeugende, bibeltreue Predigten in der Regel sehr positiv aufgenommen. Das kann einen natürlich dazu verleiten, sich selbst für wichtiger zu nehmen, als man tatsächlich ist. Darüber habe ich nachgedacht.
Das Amt des Verkündigers ist eine sehr hohe Berufung, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, wie Römer 10,17 (bezogen auf Lehrer und Evangelisten) und Jakobus 3,1 (bezogen auf Lehrer, nicht Evangelisten) deutlich machen. Aber es gibt auch andere Ämter in der Gemeinde, die genauso bedeutsam sind. Der Apostel Paulus schreibt beispielsweise:
Und er [Gott] hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer (Eph 4,11).
Es ist durchaus so, dass Prediger oft auch Evangelisten, Hirten und/oder Lehrer sind. Aber nicht immer. Ein Verkündiger ist ein Lehrer, aber vielleicht kein Evangelist. Ein Verkündiger ist ein Evangelist, aber vielleicht kein Lehrer. Ich kenne Verkündiger, die hervorragende Evangelisten sind, aber nicht die besten Lehrer unter der Sonne. Ich kenne einen hervorragenden Lehrer, der freimütig einräumt, kein sonderlich begnadeter Evangelist zu sein. Dieser berichtete auch von einem bemerkenswerten Erlebnis am Flughafen. Ein freundlicher Mann kam auf ihn zu und sagte, er wolle mit ihm gerne über Jesus reden. Der Bibellehrer antwortete, dass er sich die Mühe sparen könne, er sei bereits ein Christ. Die Reaktion des Evangelisten war aussergewöhnlich: Er war enttäuscht, dass er nicht evangelisieren konnte, und er zog weiter seines Weges.
Ich komme sogleich darauf, worauf ich hinaus will: Wenn wir die Gemeinde mit einer Armee vergleichen und die verschiedenen Ämter betrachten, dann sollten wir uns nicht zur Schlussfolgerung verleiten lassen, dass die Leute, die im Rampenlicht stehen, die wichtigsten sind. Ich möchte dies auf mich selbst anwenden: Ich selbst scheine wie oben erwähnter Prediger ein ganz ordentlicher Lehrer zu sein, aber ich bin kein sonderlich einnehmender Evangelist – so wie die Dinge momentan aussehen. Diese Tatsache enthebt mich nicht von der Pflicht und dem Privileg der persönlichen Evangelisation; aber es gibt Leute, die durch Gottes Gnade einfach besser und wirkungsvoller sind.
Da ich schon im Mitternachtsruf veröffentlicht habe und in der Gemeinde Mitternachtsruf auf der Kanzel stand, geben viele Christen mir mehr Anerkennung als sie jenen Mitgliedern unserer Gemeinde geben, die regelmässig raus auf die Strassen und in die gemiedenen Viertel gehen, um das Evangelium zu verbreiten. Und für solche Leute möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen.
Einige der fleissigsten Evangelisten unserer Gemeinde haben mir schon gedankt für meinen Predigt- und Lehrdienst. Dies hat mich beschämt und mich fragen lassen: Wer dankt diesen Leuten für ihren Einsatz? Sie bekommen kaum direktes und positives Feedback auf ihre Evangelisation in einer verlorenen, feindlichen Welt, im Gegensatz zu den Lehrern, die in einer gesunden, ihnen wohlgesinnten Gemeinde auftreten dürfen.
Für mich sind nicht die Prediger auf der Kanzel die «Stars». Wenn wir auf der Kanzel stehen, teilen wir den Nachschub und die Munition aus und unsere Verantwortung ist, dass wir das Richtige austeilen; ja, das ist eine hohe Verantwortung, aber die Front, die Front ist draussen. Die «Spezialeinheiten» der Gemeinde sind die Leute, die rausgehen und das Evangelium verbreiten. Die Helden und Heldinnen der Gemeinde sind diejenigen, die Spott und Hohn in Kauf nehmen, um die unterschiedlichsten Menschen teilweise zum ersten Mal mit dem Evangelium zu konfrontieren. (Machen wir uns nichts vor: im christlichen Abendland haben mittlerweile die Wenigsten eine Ahnung, wer Christus ist.) Sie sind diejenigen, die hinausgehen «auf die Wege und an die Zäune» (Lk 14,23). Sie sind die «Elitekämpfer», um im Militärjargon zu bleiben; sie sind die Speerspitze der Gemeinde.
Nur zu oft habe ich Christen über die Tätigkeit der aktiven Evangelisten, Traktateverteiler und Strassenprediger sagen hören, ihre Arbeit sei eine vergebliche oder es passe nicht mehr in diese Zeit. Manche deuteten sogar an, sie würden ein schlechtes Licht auf Christen werfen. So mancher versteckt sich hinter der billigen Ausrede, er wolle das Evangelium leben und nicht predigen. Wie kann man eine Nachricht leben? Nachrichten sind dazu da, verbreitet zu werden, erst recht gute Nachrichten und vor allen Dingen gilt dies für die gute Nachricht, das Evangelium.
Wenn du einer bist, der zu diesen Frontkämpfern gehörst: Ich ziehe vor dir den Hut und du kannst dir meiner Wertschätzung sicher sein. Wenn du einer bist, der auf diese «einfachen» Verbreiter des Evangeliums herabschaut … was soll ich sagen, denk noch einmal darüber nach, was «auf die Wege und an die Zäune» gehen bedeutet.
Oft sind es die unscheinbaren, schwach äugenden, wenig angesehenen Glieder der Gemeinde, die die von Gott besonders gebrauchten Spezialeinheiten in Seiner «Heilsarmee» sind, und nicht unbedingt die, die im Rampenlicht stehen und denen der Allmächtige das Ansehen ihrer Gemeinde vergönnt.
Dies ist eine sehr gute Beobachtung, sehr konstruktiv und gewiss für viele eine enorme Ermutigung! Was unsere eigenen begrenzten Gaben angeht, dürfen wir dann auch ohne Schuldgefühle unsere Begrenzungen bejahen und vom Herrn her den Platz, den er uns gegeben hat oder wo er uns am meisten bestätigt, annehmen.
Danke sehr! Der Herr segne euch für euren wertvollen Missionsdienst und bis bald (an Ostern)!