
Dispensationalisten sind in der Regel keine Calvinisten. Und Calvinisten sind in der Regel keine Dispensationalisten. Auch wenn ich als Dispensationalist selbst auch kein Calvinist bin, ist dies logisch betrachtet, nun ja, unlogisch. Denn beide «Systeme» legen viel Wert auf die Erwählungstreue Gottes. Und siehe da, die Wurzeln des Dispensationalismus sind tatsächlich calvinistisch …
Das englischsprachige Buch Christ’s Prophetic Plans ist eine grossartige Verteidigung des Dispensationalismus: Nüchtern, biblisch, überzeugend und prophetisch. Eigentlich wäre das Buch perfekt, um in deutscher Übersetzung vom Verlag Mitternachtsruf herausgegeben zu werden. Doch leider hat es einen klitzekleinen Haken: es ist ungeniert calvinistisch. Autoren sind John MacArthur, Richard Mayhue, Michael Vlach, Matthew Waymeyer und Nathan Busenitz, unsere calvinistischen Brüder von The Master’s Academy.
Sogar ich, der ich nun wirklich keine Abneigung gegen Calvinisten habe, musste einsehen, dass es äusserst unklug wäre, dieses Buch unter dem Label des ausdrücklich nicht-calvinistischen Mitternachtsruf zu veröffentlichen.
Das Buch richtet sich besonders an Bundestheologen (die i.d.R. Calvinisten sind). John MacArthur gibt auch in diesem Buch sein berühmt-berüchtigtes Argument für das dispensationalistische Verständnis von Israel zum Besten: Gerade Calvinisten, die an die bedingungslose Erwählung der Erlösten glauben, sollten auch an die bedingungslose Erwählung Israels festhalten. An verschiedenen Anlässen (u. a. der Hirtenkonferenz 2007) hielt er eine Botschaft dazu, die von calvinistischen Bundestheologen nicht gerade positiv aufgenommen wurde: «Why Every Calvinist Should Be a Premillennialist».
Auch Michael Vlach argumentiert in Christ’s Prophetic Plans dafür, dass der Dispensationalismus und der Calvinismus sich nicht ausschliessen müssen. Er geht sogar so weit, zu schreiben, dass einige nichtdispensationalistische Gelehrten festgehalten hätten, dass es eine enge historische Verbindung zwischen Dispensationalismus und Calvinismus gäbe (S. 47). Seine Argumentation wirkte auf mich ein wenig schwach, weil heute unbestritten die meisten Dispensationalisten keine Calvinisten sind.
Doch dann stiess ich auf ein Essay vom Prophetie- und Dispensationalismusexperten Dr. Thomas Ice: «The Calvinistic Heritage of Dispensationalism». Das überraschte mich. Ich schätze Dr. Ice sehr und lese seine Artikel äusserst gerne. Ich war sogar ein wenig stolz auf mich, dass ich mit ihm mal einen Theologen schätzte, der kein Calvinist war. Und nun … nun fand ich ausgerechnet einen solchen Artikel von ihm. Und welch Überraschung … Dr. Ice, durchaus ein Experte für Kirchengeschichte, offenbart, dass John Nelson Darby sogar einmal in Genf war, um den Calvinismus zu verteidigen!
Wer englisch kann, sollte einmal diesen Beitrag lesen. Thomas Ice schliesst die Ergebnisse seiner Recherchen unter anderem mit den Worten:
I personally think that if systematic Dispensationalism is rightly understood then it still logically makes sense only within a theocentric and soteriologically Calvinists theology.
Nun, das war mal eine Überraschung für mich. Einer meiner beliebtesten dispensationalistischen Theologen entpuppte sich auch als Calvinist! Ob er diese Meinung immer noch hält, weiss ich nicht. Dr. Ice arbeitet ja viel mit Tim LaHaye zusammen, der nun wirklich kein Calvinist ist.
Das Ziel des Artikels «The Calvinistic Heritage of Dispensationalism» ist laut Dr. Thomas Ice, moderne Dispensationalisten und Calvinisten an die historischen Wurzeln des Dispensationalismus zu erinnern. Und es hat mich ziemlich überrascht, dass sie sehr wohl calvinistisch sind …